Gymnasium Philippinum, Weilburg Bewegungsanalyse im Sport – Zwischen Biomechanik und Motorik

Frank Bröckl

Mehr als 600 Muskeln ziehen in unserem aktiven Bewegungsapparat über Gelenke und müssen separat angesteuert werden. Insbesondere der Sport setzt voraus, dass vielfältige Bewegungstechniken erlernt und beherrscht werden, um die komplexen Anforderungen und Aufgabenstellungen bewältigen zu können. Was hier den Könner vom Anfänger unterscheidet erfuhren die Gäste des fünften Vortrags der naturwissenschaftlichen Vortragsreihe des Gymnasium Philippinum im laufenden Schuljahr von Dr. Mathias Reiser, akademischer Oberrat für das Fachgebiet Bewegungswissenschaft am Institut für Sportwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen, in der Aula der Schule.

„Die Aufgabe unseres Gehirns besteht in erster Linie darin, Bewegung zu organisieren“, stellte der Referent gleich zu Beginn seines Vortrags klar und verdeutlichte dies anhand der beim Sprechen und selbst beim geraden Sitzen ablaufenden motorischen Prozesse. Dabei halte gerade der Sport aufgrund des komplexen Zusammenspiels von biomechanischen und motorischen Teilsystemen besondere Anforderungen bereit, die mit dem Instrument der Bewegungsanalyse erklärbar gemacht werden könnten. Hochgeschwindigkeitskameras, Kraftmessplatten und eine Reihe weiterer Messverfahren seien hier unverzichtbare Werkzeuge, so Dr. Reiser. Als Pionier auf diesem Gebiet benannte er den britischen Fotografen Eadweard Muybridge (1830-1904), dem es durch das Schalten vieler Kameras in Reihe erstmals gelang, die Phasen des Bewegungsablaufs eines galoppierenden Pferdes im Bild festzuhalten. Was macht eine treffsichere Wurfbewegung aus? Wie sind die Antizipationsleistungen von Torhütern zu erklären? Flattern Flatterbälle wirklich? Anhand dieser Fragestellungen erläuterte Dr. Reiser sehr anschaulich das Einsatzgebiet der Bewegungsanalyse, sodass auch der sportwissenschaftliche Laie die hier zum Tragen kommenden Versuchsanordnungen und Messverfahren problemlos nachvollziehen und verstehen konnte. Sehr interessant war am Beispiel der untersuchten Wurfbewegung von Basketballspielern zu erfahren, dass eine gewisse Variabilität in der Bewegungsausführung selbst bei Profis unvermeidlich ist. Die spezielle Kombination von Abwurfwinkel und Geschwindigkeit gelingt diesen jedoch wesentlich besser, was die ungleich höhere Trefferquote im Vergleich zu einem Anfänger erkläre. Erfahrene Torhüter im Fußball- oder Handballtor sind in der Lage, aufgrund von unvollständigen optischen Informationen den Schuss oder Wurf frühzeitig zu „lesen“ und in die richtige Ecke zu reagieren. Dies ließ sich mithilfe von Videosequenzen von Elfmeter- beziehungsweise Siebenmeterschützen, die immer früher vor der eigentlichen Bewegungshandlung abgebrochen wurden, eindeutig belegen. Die Profis lagen mit ihrer zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Ausführung der Bewegung abgegebenen Entscheidung hinsichtlich der vom Schützen gewählten Ecke oft richtig, was laut Dr. Reiser durch die große visuelle und motorische Erfahrung in zahlreichen vergleichbaren Spielsituationen zu erklären ist. Auch den Flattereffekt des Spielgeräts als Ergebnis einer speziellen Aufschlagvariante beim Volleyball kann die Biomechanik mit der Aufnahme der Flugkurven durch spezielle Kameras nachweisen. Dieser resultiert aus dem Treffen des Balles im Zentrum bei der Angabe und seinem Flug ohne Rotation, der bei abnehmender Geschwindigkeit instabil und für die annehmende Mannschaft schwer berechenbar wird.

Langanhaltender Applaus und zahlreiche Nachfragen am Ende des Vortrags waren Beleg für das große Interesse des Publikums an der Thematik. Carola Gerlach, die Verantwortliche für die Organisation der Vortragsreihe, bedankte sich bei Dr. Reiser für seinen Vortrag abschließend mit einem Präsent.

Der letzte Vortrag der aktuellen Vortragsreihe findet am 19. März um 19.30 Uhr wie gewohnt in der Aula der Schule statt. Das vorgesehene Thema „Berechenbarer Krebs – Mathematische Modelle in der Medizin“ mit Dr. Marcel Mohr muss aus privaten Gründen des Referenten entfallen, die Verantwortlichen bemühen sich derzeit um Ersatz. Weitere Informationen erfolgen umgehend.

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